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Vortrag über den Taunus April 2013

AK 2020 > Arbeitskreisthemen

Vortrag:
Der Taunus - Ein l(i)ebenswertes Mittelgebirge
- Thema: Wirtschaft in Ihrer Vielfalt -

Auch der weiterführende Vortrag von Prof. Dr. Eugen Ernst aus Neu-Anspach, am Freitag, 26. April, nach dem gelungen Abend im letzten Jahr, hat wieder einige Zuhörer in das Gasthaus „Zum Taunus“ nach Haintchen gelockt.
Referent, Prof. Eugen Ernst, konnte wieder mit seinem gesammelten außergewöhnlichen und umfangreichen Wissen über den Taunus im Themengebiet, Wirtschaft in ihrer Vielfalt, die Teilnehmer in seinen Bann ziehen. Der Vortrag wurde durch Dias anschaulich beleuchtet und zwischendurch durch feinen Witzeleien gekonnt umrahmt.

Mit der Land- und Waldwirtschaft im Taunus begann der Abend. Die Traditionslandwirtschaft war wie auch in anderen Regionen geprägt von der Handarbeit. Das galt nicht nur die Aussaat und die Ernte, das galt auch für den Transport der Güter die vom Acker kamen und für den Dünger, der als Mist oder Jauch „Puddel“, d.h. als organische Zuwendung an den Boden, zum Feld gebracht werden musste. Und so bestimmten Pferde- und Kuhgespann das Bild der Dörfer und der Fluren. Seit etwa 1800 war die einfache Drei-Felder-Wirtschaft (Sommerfrucht, Winterfrucht, Brachland) zugunsten der verbesserten Drei-Felder-Wirtschaft umgestellt worden. Die bisherige Brache auf einem Drittel des Ackerlandes wurde künftig von Hackfrüchten (Kartoffeln und Futterrüben) und Klee in Anspruch genommen, womit die Erträge erheblich gesteigert wurden. Dazu kam die intensive Viehzucht durch die Stallhaltung und eine auf zwei Dörrfutterernten (Heu und Grummet) erweitert und durch die chemische Düngung verbesserte Wiesennutzung. Größe Rückschritte in der Agrarentwicklung bereitet jedoch immer wieder die hierzulande geübte Realerbteilung. Da jeder Erbe in den drei großen Ackerschlägen (Zelgen) auf gleichmäßig verteilten Besitz Wert legen musste, nahmen die Flurzersplitterungen unerträgliche Ausmaße an.
Nach der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte man allmähliche Flurbereinigungen, die von den staatlichen Stellen und den aufkommenden Landwirtschaftsschulen propagiert wurden. Zusätzlich gut ausgebaute Wege führten zu einer besseren Erschließung und die Vergrößerung der Besitzeinheiten ermöglichte eine rationellere Bewirtschaftung. Der einst sozialpolitisch geschätzte Familienbetrieb zwischen 10 – 20 ha hat längst die Betriebsgröße mehr als verfünffacht- oder versechsfacht und sich deutlich auf nur ein oder zwei Produktionsziele und auf eine oder zwei Arbeitskräfte reduziert.

Als Beispiel nannte Prof. Eugen Ernst das Dorf Görsroth (Gemeinde Hünstetten) im westlichen Hintertaunus, an der B417 (Hühnerstraße), das in einer ähnlichen Höhenlage, von 370 – 400 m, wie Haintchen liegt. Die intensiven Bemühungen der hessischen Landesregierung in den 1950er und 1960er Jahren um eine entscheidende Verbesserung der Agrarstruktur führten in Görsroth schon 1958 zu einer Flurbereinigung. Diese Maßnahmen verstand sich als eine Art integrale Neuordnung des ländlichen Raumes, von der auch andere Infrastrukturmaßnahmen ihren Vorteil bezogen. Insgesamt wurden in Görsroth 28 km landwirtschaftliche Wege mit 3,4 km Asphaltdecke neu gebaut. Vor der Flurbereinigung betrug die Gesamtparzellenzahl 3.672. Nach der Flurbereinigung nur noch 375. Die durchschnittliche Parzellenzahl von ca. 80 Grundstücken je Betrieb vor der Flurbereinigung war auf zwei bis drei Besitzstücke reduziert worden. Schon vor der Flurbereinigung, aber auch hinterher gaben eine ganze Reihe der kleinbäuerlichen Betriebe ihre Landbewirtschaftung auf. Damit war die Aufstockungsfläche für die verbleibenden Vollerwerbslandwirte vorhanden. Die Betriebsfläche der dortigen drei Aussiedlerhöfe konnte weitgehend arrondiert werden.

Ein weiteres Beispiel für den Strukturwandel im Primärsektor beschrieb Prof. Eugen Ernst bei einem landwirtschaftlichen Familienbetrieb mit Futterbau und Milchwirtschaft in Holzhausen an der Haide, im westlichen Hintertaunus an der Hauptwegkreuzung der B260 (Bäderstraße) und B274. Bewirtschaftet der Hof 1950 als Familienbetrieb ca. 9 ha, so sind es heute 95 ha (25 ha Eigenland). 1950 wurden 6 Kühe, 5 Jungrinder, 9 Schweine und 2 Pferde gehalten. Dann stellte sich die Existenzfrage „Wachsen oder Weichen“. Heute zählt der Betrieb 55 Milchkühe, 70 weibliche Jungtiere und keine Schweine mehr.
Die Mechanisierung des Betriebs begann 1954 mit einem 16-PS-Schlepper. Heute verfügt der Hof über fünf Traktoren mit einer Leistung bis 106 PS. Außerdem sind ein Mähdrescher und alle Geräte für den Futterbau vorhanden. Eine Spezialisierung auf die Milchwirtschaft zwang dazu, der Kälber und Jungviehaufzucht einer großen Aufmerksamkeit zu widmen. Die Milch geht an die Molkerei „Schwälbchen“ in Bad Schwallbach. Die Leistung der Rinder ist überdurchschnittlich hoch, sie erreichen meist über 8.000 Liter pro Jahr. Zwei der Rinder haben sogar die 10.000 Liter-Marke überschritten (Lebenslang über 100.000 Liter).

Weiter ging es in der Landwirtschaft mit dem Obstbau und Weinanbau. Die großen Obstanbaugebiete befinden sich besonders im Gebiet des Vordertaunus, an den Südhängen zum Rhein-Main-Gebiet. Dort geht seit dem Ende des 19. und 20. Jahrhunderts der hochstämmige Obstbau weitgehend zurück. Die moderne Landwirtschaft mit ihren großen Geräten und Maschinen muss aus Rationalisierungsgründen auf diese Baumbestände verzichten. Wo jedoch die Landwirtschaft zurückgeht, fallen die ehemaligen „Baumstücke“ an neu ausgewiesenes Bauland (Villenkolonien) oder werden zu Streuobstwiesen.
Dagegen entstanden in der Ebene, wo man im 19. Jahrhundert glaubte, Obstbau sei aus klimatischen Gründen (Kaltluftseen, Spätfröste) nicht möglich, um 1900 ausgedehnte Obstplantagen. Heute befindet sich vor allem um Kriftel, Hattersheim und Hofheim eine fast geschlossene Obstlandschaft. Weiter östlich am Südhang und zur Ebene vor dem Taunus und zur Wetterau befinden sich große landwirtschaftliche Fläche mit Kirschenanbau. Hier besonders über Köppern und bis kurz vor Bad Nauheim, wo im Lauf der Jahrzehnte ca. 60.000 Kirschbäume gepflanzt wurden; die um 1960 allen in der Gemarkung Ockstadt auf 40.000 – 50.000 Bäume geschätzt wurden. Seit 10 - 15 Jahren vollzieht sich jedoch hier ein völliger Wandel. Von den hochstämmigen Süßkirschenbäumen sind heute noch ca. 2.500 ältere und ca. 370 übergroße als Massenträger vorhanden.

Den naturbegünstigten Rheingau mit seinem Weinbau, mit Mauer- und Terassenarchitektur, hat das dortige Gebiet zu einer mediterran anmutenden, freundlichen Landschaft gemacht. Die Quelle allen Handelns und Wandels in Assmannshausen ist heute der Weinbau. Die Rebfläche umfasst 99 ha, wo bei vor allem 40 ha Spätburgunderlagen eine überragende Bedeutung zukommt. Sie finden eine besondere Betreuung in dem größten arrondierten Rotweingut Deutschlands (20 ha). Der Gutshof des heutigen Staatsweingutes stand im Mittelalter und klösterlicher Betreuung des benachbarten Nonnenklosters Marienhausen. 1803 kam das Gut in den Besitz der Nassauer, 1866 wurde es preußisch und 1945 hessische Staatsdömäne.

Im Sekundärsektor sprach der Referent u.a. den jahrhundertealten Bergbau und den Industriezweig an. Der Bergbau ist in seiner ursprünglichen Form eine Urproduktion wie die Land- und Forstwirtschaft und die Fischerei. Dabei werden Lagerstätten gesucht und abgebaut. Im Gegensatz jedoch zu den anderen Urproduktionen erneuern sich im Bergbau die gewonnen Rohstoffe nicht mehr. Der Bergbau, wo er im Taunus noch vorkommt, ist heute in einer Weise technisiert, dass man ihn beinahe zur Industrie zählen kann. Größere noch vorhandene Abbaugebiete sind das Quarzitwerk im Köppener Tal, im Aartal bei Hahnstätten wird Kalkgestein abgebaut. Viele Erzgruben im Taunus und auch die weiterverarbeiteten Schmelzen, die durch das ganze Mittelalter bis in das 19. und zum Teil in das 20. Jahrhundert einen zeitweise erfolgreichen Bergbau und dessen Weiterverarbeitung betrieben, vor allem im Lahngebiet, im Aartal und im Weiltal, sind alle verschwunden.

Die Industrie konnte nach dem zweiten Weltkrieg und dem beginnenden Aufschwung „Wirtschaftswunderzeiten“, weiter ausgebaut und gezielt technisiert werden. Dabei trugen auch der Tertiärsektor von Handel und Verkehr, die sich immer gegenseitig bedingten zu. Wichtig Handelsstraßen, die bereits seit dem Mittelalter bestanden, konnten gezielt ausgebaut und neue Fernhandelsstraßen neu gebaut werden. Wie auch die Bahnlinien im Taunus weiter ausgebaut und erweitert wurden.

Wer mehr über den l(i)ebenswerten Taunus erfahren möchte, kann das herausgegebene, umfangreiche Buch erwerben, Der Taunus, Ein l(i)ebenswertes Mittelgebirge, von Prof. Dr. Eugen Ernst, herausgegeben vom Frankfurter Societäts-Verlag, mit der ISBN 978-7973-1146-7 in der Camberger Bücherbank, Limburger Str. 28 (KSK Gebäude), Tel. 06434/402977 oder in der Neu-Anspacher Buchhandlung Weddigen, Kirchgasse 2, Tel. 06081/7376 beziehen.





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